Der Pegel Kaub stand am 1. Oktober bei minus sechs Zentimetern. Heute, am 14. Oktober, zeigt er 13 Zentimeter. Der alte Rekord aus dem Jahr 2018 lag bei 25 Zentimetern – und wurde in diesem Jahr am 5. August zum ersten Mal unterschritten. Zwischen St. Goar und Rüdesheim fahren laut Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt nur noch vereinzelt Güterschiffe. Der Rhein ist, wie es Thomas Puls vom Institut der deutschen Wirtschaft formuliert, „de facto erneut zweigeteilt“.
Die Antwort der Chemieindustrie darauf klingt vernünftig. Der Verband der Chemischen Industrie fordert, dem Güterverkehr auf der Schiene Vorrang zu geben, Sonntagsfahrverbote auszusetzen und Not-Umladestellen zu öffnen. „Wir dürfen nicht warten, bis aus einem Transportproblem ein Produktionsstopp wird“, sagt Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup.
Ich habe mir angesehen, was hinter dem Satz „Vorrang für die Schiene“ steckt. Drei Dinge fallen auf.
Erstens: Die Mengen
Ein Binnenschiff trägt bei normalem Wasserstand rund 4.000 Tonnen. Das entspricht nach Rechnung des VCI 67 Eisenbahnwaggons oder 160 Lkw. Anders gesagt: Für jedes Schiff, das nicht fährt, braucht es zwei bis drei Ganzzüge – je nach Gut und Wagentyp, die Spanne ist meine Schätzung.
Zur Einordnung die Verteilung der Güterverkehrsleistung in Deutschland im Jahr 2025: Straße 72 Prozent, Schiene 20 Prozent, Binnenschiff 5,5 Prozent. Das Schiff ist der kleinste Verkehrsträger – aber auf dem Rhein ist es für die Chemie der entscheidende. In Ludwigshafen gehen rund 40 Prozent der ein- und ausgehenden Güter über den Fluss. Thomas Puls bringt es auf den Punkt: „Ohne die Binnenschifffahrt gäbe es die meisten großen Chemieparks entlang des Rheins gar nicht.“
Die Schiene müsste also keinen Verkehrsträger ersetzen, sondern ein paar Prozentpunkte zusätzlich aufnehmen. Das klingt machbar. Wenn sie frei wäre.
Zweitens: Die Schiene ist in diesem Jahr selbst eine Baustelle
Seit dem 10. Juli und noch bis zum 11. Dezember 2026 ist die rechte Rheinstrecke zwischen Troisdorf und Wiesbaden voll gesperrt. 160 Kilometer Generalsanierung, über 60 Kilometer Gleis, 116 Weichen, 1.100 Stelleinheiten. Die DB InfraGO hat das im Januar angekündigt. Die Strecke ist Teil des Korridors Rotterdam–Genua, die hessenschau nennt sie „Europas meistbefahrene Güterzugstrecke“.
Die Güterzüge werden umgeleitet: auf die linke Rheinstrecke oder weiträumig über Frankfurt, Gießen und Kassel. Die linke Rheinstrecke fährt also seit Juli für zwei. Das ist der Zustand, in dem der Verband „Vorrang für den Güterverkehr“ fordert. Vorrang auf einem Gleispaar, das bereits den umgeleiteten Verkehr des zweiten trägt.
Und im kommenden Jahr ist die linke Rheinstrecke mit der Sanierung an der Reihe.
Mir ist wichtig, hier fair zu bleiben: Die Generalsanierung ist überfällig, und irgendwann muss sie stattfinden. Aber Juli bis Dezember sind nicht irgendwann. „September und Oktober sind die klassischen Niedrigwassermonate“, sagt Florian Krekel vom Schifffahrtsamt in Bingen. 2018 lief das Niedrigwasser von August bis Dezember. Das Sperrfenster 2026 deckt sich mit dem Niedrigwasserfenster nahezu vollständig. Ob es dafür zwingende Gründe gab, weiß ich nicht. Dass es niemandem aufgefallen sein soll, glaube ich nicht.
Drittens: Der größte Anbieter baut ab
DB Cargo hat 2025 rund 58,5 Milliarden Tonnenkilometer gefahren, 14,6 Prozent weniger als im Vorjahr. Das Ergebnis lag bei minus 58 Millionen Euro. Die EU-Kommission verlangt im Beihilfeverfahren, dass das Unternehmen bis Ende 2026 profitabel arbeitet. Am 17. September hat Vorstandschef Bernhard Osburg eingeräumt, dass die schwarze Null in diesem Jahr nicht erreicht wird. Der Sanierungsplan sieht vor, rund 6.200 von etwa 14.000 Vollzeitstellen in Deutschland abzubauen.
Wer in dieser Lage kurzfristig zusätzliche Züge, Lokführer und Wagen für Chemiegüter bereitstellen soll, muss sie irgendwo hernehmen. Die privaten Güterbahnen können einen Teil übernehmen. Aber auch sie fahren über dieselbe gesperrte Strecke.
Die Zahlen auf einen Blick
| Was | Wert | Stand |
|---|---|---|
| Pegel Kaub, Tiefststand | −6 cm | 1. Oktober 2026 |
| Pegel Kaub, heute | 13 cm | 14. Oktober 2026, 20:15 Uhr |
| Alter Rekord Kaub | 25 cm | Oktober 2018 |
| Ein Binnenschiff | 4.000 t = 67 Waggons = 160 Lkw | VCI |
| Anteil Binnenschiff an der Verkehrsleistung | 5,5 % | 2025 |
| Anteil Schiene | 19,9 % | 2025 |
| Sperrung rechte Rheinstrecke | 10. Juli bis 11. Dezember 2026 | DB InfraGO |
| DB Cargo, Verkehrsleistung 2025 | 58,5 Mrd. tkm (−14,6 %) | März 2026 |
| DB Cargo, Ergebnis 2025 | −58 Mio. € | September 2026 |
| DB Cargo, geplanter Stellenabbau | 6.200 von 14.000 | September 2026 |
| Abladeoptimierung Mittelrhein | fertig 2033 | BMV |
| Förderung Flottenmodernisierung | halbiert auf rund 18 Mio. € | 2026 |
Was ich daraus mitnehme
Jede dieser Entscheidungen ist für sich genommen begründbar. Die Wasserstraße wird vertieft – bis 2033 am Mittelrhein, bis 20
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